Für das Wissen bezahlt – Einkünfte aus selbständiger Arbeit

(Stand 31.12.2019, Rechtsänderungen vorbehalten)

 

Was sind Einkünfte nach §18 EStG und wie werden diese ermittelt

Marvin Marvel hatte sich vor gut einem Jahr als Arzt selbstständig gemacht. Wegen der guten Einnahmen, die er in seiner Praxis erwirtschaftet, machte er sich auf den Weg zu einem Juwelier, um sich eine neue Uhr zu kaufen. Ihm gefiel das Model der Marke Wolex. Der Verkäufer klärte ihn über eine Rabattaktion auf, in welcher Personen mit einem Gewerbebetrieb einen Rabatt von 10 % erhalten würden. Herr Marvel freute sich und sagte dem Verkäufer, dass er als selbstständiger Arzt eine Praxis hat und die Uhr zu diesen Konditionen sofort kaufen würde. Der Verkäufer war jedoch der Meinung, dass er mit seiner Tätigkeit als Arzt keine Einnahmen aus einem Gewerbebetrieb erwirtschaften würde.

Hat Herr Marvel Einkünfte aus Gewerbebetrieb oder selbstständiger Arbeit?


In dem Blog zu Einkünften aus Gewerbebetrieb wurden die Voraussetzungen des § 15 Abs. 2 S. 1 EStG besprochen. Diese sahen wie folgt aus:

  1. Selbständigkeit
  2. Nachhaltigkeit
  3. Gewinnerzielungsabsicht
  4. Beteiligung am allgemeinen wirtschaftlichen Verkehr
  5. Kein Land- und Forstwirtschaft
  6. Keine Vermögensverwaltung

Diese Voraussetzungen müssen ebenfalls bei den Einkünften aus selbstständiger Arbeit erfüllt werden. Jedoch besteht ein großer Unterschied darin, dass die Einkünfte aus selbstständiger Arbeit folgende weitere Merkmale erfüllen müssen:

„… dass er auf Grund eigener Fachkenntnisse leitend und eigenverantwortlich tätig wird.“ (§ 18 Abs. 1 S. 1 Nr. 3).

Hierbei ist es also notwendig, dass eine eigenverantwortliche und leitende Tätigkeit aufgrund der eigenen Fachkenntnisse vorliegt. Diese müssen in Form eines(r) qualifizierten Studiums oder Ausbildung erworben worden sein. Dadurch handelt es sich In den meisten Fällen um geistige Arbeit, in welcher die eigene Arbeitskraft im Mittelpunkt steht.

Der Unterschied zwischen den beiden Einkunftsarten liegt im Kern darin, dass man bei Einkünfte aus selbstständiger Arbeit keine Gewerbesteuer abführen muss, bei Einkünften aus Gewerbebetrieb hingegen schon.

Im Gesetz stehen uns folgende Abgrenzungen zur Verfügung:

  1. Allgemeine Tätigkeitsfelder: wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeiten, (gem. § 18 Abs. 1 Nr. 1 S. 2 Halbsatz 1 EStG)
  2. Katalogberufe: Bspw. Ärzte, Zahnärzte, Rechtsanwälte, Notare, Steuerberater, etc. (gem. § 18 Abs. 1 Nr. 1 S. 2 Halbsatz 2 EStG)
  3. Katalogähnliche Berufe: Bspw. Fotograf, Kammeramann, Grafiker, etc. Beispiele hierzu finden sich im H 15.6 EStH „Abgrenzung“.

Weiterhin sind die Personen mit Einkünften aus selbständiger Arbeit gesetzlich nicht dazu verpflichtet, Bücher zu führen (Bilanzierung gem § 4 Abs. 1 EStG). Demzufolge, ermitteln Sie ihren Gewinn gem. § 4 Abs. 3 EStG, der sog. Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜ-Rechnung).

Unterscheidung der beiden Gewinnermittlungsmethoden


Einnahmen-Überschuss-Rechnung:
Hier werden lediglich die Betriebseinnahmen und die Betriebsausgaben gegenübergestellt. Der sich hieraus ergebende Unterschiedsbetrag ist der Gewinn. Einnahmen und Ausgaben werden zeitlich nur dann erfasst, wenn sie auch tatsächlich bezahlt wurden (Zufluss-/ Abflussprinzip gem. § 11 Abs. 1 S. 1 EStG und Abs. 2 S. 1 EStG).

Bilanzierung:
Vereinfacht gesagt, werden bei der Bilanzierung Aktiva (Anlagevermögen und Umlaufvermögen) und Passiva (Eigenkapital und Fremdkapital) gegenübergestellt. Danach wird eine Gewinn- und Verlustrechnung für ein Geschäftsjahr erstellt. Forderungen und Verbindlichkeiten aus Lieferungen oder Leistungen werden auch dann erfasst, wenn sie noch nicht begleichen wurden. (Entstehungsprinzip gem. § 252 Abs. 1 Nr. 5 HGB).

Rechtliche Würdigung


Herr Marvel erzielt mit den Einnahmen als Arzt Einkünfte aus selbständiger Arbeit gem. § 18 Abs. 1 Nr. 1 EStG. Es handelt sich bei der Arbeit als Arzt um einen Katalogberuf gem. § 18 Abs. 1 Nr. 1 S. 2 Halbsatz 2 EStG. Herr Marvel handelt selbständig (auf eigene Verantwortung und Rechnung), nachhaltig (dauerhaft), hat eine Gewinnerzielungsabsicht (vorgegeben) und beteiligt sich am allgemeinen wirtschaftlichen Verkehr (für Allgemeinheit zugänglich). Somit sind die Voraussetzungen für eine selbständige Tätigkeit im Sinne des § 18 (1) Nr. 1 EStG erfüllt.

Es handelt sich hierbei um Gewinneinkünfte im Sinne des § 2 (2) Nr. 1 EStG. Da Herr Marvel nicht dazu verpflichtet ist, Bücher zu führen und auch selbst keine Bücher führt, ermittelt er seinen Gewinn gemäß der EÜ-Rechnung nach § 4 Abs. 3 EStG.

Hierbei ermitteln sich die Einkünfte wie folgt:

Betriebseinnahmen gem. § 4 Abs. 4 i.U. EStG
./. Betriebsausgaben gem. § 4 Abs. 4 EStG

= Gewinn/ Verlust

Demzufolge hat Herr Marvel keinen Anspruch auf einen Nachlass von 10% des Kaufpreises, da er keine Einkünfte aus Gewerbebetrieb erwirtschaftet, sondern aus selbständiger Arbeit.

Take away

  • EÜ-Rechnung gem § 4 Abs. 3 EStG
  • Zuflussprinzip gem. § 11 Abs. 1 S. 1 EStG
  • Abflussprinzip gem. § 11 Abs. 2 S. 1 EStG

 

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